Lektionen der Wildnis

Der amerikanische Dichter, Ethnologe und Umweltaktivist Gary Snyder (geb. 1930) lebte zwischen 1956 und 1964 in Japan, um sich intensiv dem Studium des Zen-Buddhismus zu widmen. Gleichsam vertiefte er sich in die Kulturen der Ureinwohner Nordamerikas.

Sein Freund und Schriftstellerkollege Jack Kerouac teilte Snyders Begeisterung für ein asketisch-meditatives Leben im Einklang mit der Natur und machte ihn zum Helden seines Romans ‚The Dharma Bums’ (1958; dt. ‚Gammler, Zen und hohe Berge’).

Die bereits 1990 erschienene Essay-Sammlung ‚The Practice of the Wild’ liegt nun in deutscher Übersetzung als ‚Lektionen der Wildnis’ vor. Erschienen sind diese im Verlagshaus Matthes & Seitz, dem in der Erstauflage leider ein Druckfehler unterlaufen ist (zwei Abschnitte sind doppelt enthalten). Inhaltlich dreht sich erwartungsgemäß alles um die vom Menschen bedrohte Natur.

Snyders innige Verbundenheit mit ihr ähnelt jener der Ureinwohner Nordamerikas, die es noch verstanden haben, im Einklang mit ihrer Umwelt zu leben. Die lesenswerten Essays tragen Titel wie ‚Gut, wild, heilig’, ‚Uralte Wälder des Westens’ oder ‚Die Frau, die einen Bären heiratete’. Sie enthalten eine bunte Mischung aus Poesie, Philosophie, Spiritualität sowie Episoden aus dem Leben des Autors.

Ebenfalls empfehlenswert von Snyder ist sein Gedichtband ‚Turtle Island’ (1974; dt. ‚Schildkröteninsel’, 1980), für den er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden ist.

Gary Snyder: Lektionen der Wildnis. Matthes & Seitz 2011; 26,90€; 263 Seiten.

    

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Schamanismus und archaische Ekstasetechnik

Der herausragende rumänische Religionswissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Mircea Eliade (1907-1986) lieferte mit ‚Schamanismus und archaische Ekstasetechnik‘ wohl das Standardwerk zum Thema.

Eliade verstand den Schamanen als Medizinmann, Priester und Totenführer, der die damit verbundenen Aufgaben durch den Einsatz von Ekstasetechniken zu meistern versteht. „Der Schamane ist der Spezialist einer Trance, in der seine Seele den Körper zu Himmel- und Unterweltfahrten verlässt“, hält Eliade bereits in der Einleitung fest.

Auf wissenschaftlichem Niveau verfasst, gleichzeitig durchaus an ein fachlich nicht vorgebildetes Publikum gerichtet, war diese Studie die erste mit dem Anspruch, das Phänomen des Schamanismus umfassend darzustellen.

So verwundert auch nicht die große thematische Bandbreite des Buches: Begriffsklärung, Rekrutierungsmethoden, Initiation, Erlangung der Schamanenkraft, Symbolik, Mythen, Riten, Techniken und vieles mehr sowie Darstellungen des Schamanismus beispielsweise in Amerika, Asien oder Ozeanien sind darin zu finden.

Ein nicht ganz unumstrittenes, zweifelsohne jedoch unverzichtbares Grundlagenwerk für jegliche ernst gemeinte Auseinandersetzung mit dem Schamanismus.

Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Suhrkamp 1994; 18€; 471 Seiten.


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Biutiful

„Die moderne Gesellschaft leidet, neben vielen anderen Dingen, an einer grundlegenden Thanatophobie – einer Angst vor dem Tod“, konstatiert der große mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu.

Seine zutiefst traurige Geschichte vom krebskranken Familienvater Uxbal, der im Immigrantenviertel des heutigen Barcelona mit allen Mitteln um eine Zukunft für seine beiden Kinder Ana und Mateo kämpft, geht einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf.

Für die Schicksalstragödie ‚Biutiful’ entschied Iñárritu sich nicht wie bisher in ‚Amores Perros’(2000), ‚21 Gramm’ (2003) und ‚Babel (2006) für einen antichronologisch-episodenhaften, sondern für einen linearen Erzählstil.

Eine stark existenzialistische Charakterstudie, zudem überaus sozialkritisch. Man könnte auch von einer poetischen Meditation über den Tod sprechen, angereichert mit religiösen Motiven. „Wo gehen wir hin und in was verwandeln wir uns, wenn wir diese Welt verlassen?“, fragte sich Regisseur Iñárritu für diesen Film und fand auch eine Antwort darauf, nämlich ‚in die Erinnerung anderer’. Darin besteht das gnadenlose Rennen gegen die Zeit, in das er seinen Protagonisten schickt.

Die Besetzung der Rolle des todgeweihten Kleinkriminellen Uxbal mit Oscar-Preisträger Javier Bardem erweist sich als vorzügliche Wahl. Nicht umsonst wurde der Weltklasseschauspieler für seine Leistung bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 als bester Darsteller ausgezeichnet.

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Jacques Lacan im Portrait

Jacques Lacan hat der Lehre Sigmund Freuds ein philosophisches Rüstzeug zu geben, indem er philosophische Elemente in die Psychoanalyse integrierte. Diese Konzeption ist weder als naturwissenschaftlich, noch als esoterisch-spirituell einzustufen. Lacan hat die zentralen Termini Freuds reinterpretiert sowie wesentlich erweitert.

Jacques-Marie Émile Lacan wird in Paris am 14. 4. 1901 geboren. Er hat eine Schwester und zwei Brüder. In jungen Jahren prägen ihn „Die Ethik“ Spinozas, Nietzsches Philosophie und die avantgardistische Literatur. Er pflegt zahlreiche Kontakte zu KünstlerInnen und Intellektuellen. Lacan wendet sich der Psychiatrie zu und macht eine Lehranalyse, die jedoch erfolglos abgebrochen wird.

Wichtig für sein Werk wird unter anderem der Einfluss Hegels sein, mit dessen Philosophie er sich, vermittelt durch Alexandre Kojéve, intensiv beschäftigt. Er beginnt auch in dieser Zeit mit seiner Relektüre Freuds – vor dem Hintergrund der deutschen Philosophie. Zahlreiche der bedeutendsten Kommentare zu seinem Werk stammen von Philosophen, unter ihnen Louis Althusser und Jacques Derrida.

Neben Hegel spielt in diesem Zusammenhang das Werk Heideggers ein Rolle, dem er auch persönlich begegnet ist. Um 1950 steht Lacan ebenso unter dem Einfluss von Sassure und Lévi-Strauss. Er fragt im Zuge seiner Relektüre Freuds nach den Voraussetzungen der Disziplin Psychoanalyse, beschäftigt sich mit der Frage nach der Wahrheit, dem Sein und dessen Enthüllung.

Ein wichtiger Begriff wird der des Signifikanten (Sassure) sein, sowie der des Symbolischen – neben dem Imaginären und dem Realen. Für Lacans Verständnis des Unbewussten sind seine wohl bekanntesten Aussagen – „Das Unbewusste ist gleich einer Sprache.“ und „Das Unbewusste ist die Rede des Anderen.“ bedeutend, die auf den engen Zusammenhang von Sprache, Intersubjektivität und dem Unbewussten hinweisen.

Er setzt sich auch intensiv mit dem Ödipuskomplex sowie mit dem Inzestverbot auseinander. In der bekannten „Rede von Rom“ stellt er zentrale Momente und Begrifflichkeiten seiner Lehre vor. Lacan gewinnt nicht nur als Theoretiker Ansehen, sondern wird zunehmend auch als Lehranalytiker und Kliniker respektiert.

Dennoch ist sein Verhältnis zu anderen psychoanalytischen Strömungen sowie zur International Psychoanalytic Association (IPA) nicht immer frei von Spannungen. Lacan wird aufgrund seiner Entscheidung, die Sitzungsdauer während einer Behandlung variabel zu gestalten, angefeindet.

Er und eine Gruppe anderer Psychoanalytiker treten aus der Societé psychanalytique de Paris (SPP) aus und gründen die Societé francaise de psychanalyse (SFP), wodurch sie auch unbeabsichtigt aus der IPA ausgeschlossen werden. 1964 kommt es zur Auflösung der SPP. Lacan gründet die Ècole freudienne de Paris (EFP), nach deren Auflösung 1980 nur mehr an die 20 kleinere Gruppierungen existieren.

Durch die Veröffentlichung der „Ècrits“ 1966, welche sich ausgezeichnet verkaufen, avanciert er vom „Meister der Psychoanalyse“ zum „Meisterdenker“, dessen Werk von Philosophen wie Foucault oder Deleuze gelesen wird.

Durch die Einführung der Lehrreihe des „Champ freudien“ an der Abteilung für Psychoanalyse der Universität Paris findet ein Wandel seiner Lehre in einen „Korpus hermeneutischer Lehrsätze“ statt, wobei es ihm darum geht, die Psychoanalyse in eine Wissenschaft zu verwandeln.

Lacans Werk besteht primär aus den „Ecrits“. Weiters wurden die „Varianten“ veröffentlicht. Zwei wichtige Aufsätze tragen die Titel „Les Complexes familiaux“ und „Létourdit“. Zudem liegen Interviews und Zeitschriftenartikel vor. Die Dissertation „De la psychose paranoiaque dans ses rapport avec la personnalité“ ist sein einziges Buch. Lacan wurde bereits in 16 Sprachen übersetzt. Er stirbt am 9. 9. 1981 in der Hartmannklinik von Neuilly.


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Jean Baudrillard im Portrait

Mit Jean Baudrillard (1929-2007), einem französischen Philosophen und Soziologen, wird in erster Linie die Theorie vom Verschwinden des Realen, von der Simulation und den Simulacren, assoziiert. Das Simulacrum kann als künstliche Zeichenwelt verstanden werden, die anfangs noch die Realität ergänzt und abgebildet hat, mit der Zeit aber eine immer größere Eigendynamik bekommen hat.

Dies führt laut Baudrillard dazu, dass sich Simulacren mehrfacher Ordnung in den letzten Jahrzehnten beinahe vollständig an die Stelle des Realen gesetzt hätten. Im Zeichenapparat des kapitalistischen Systems seien insbesondere die Bilder der Medien weit mächtiger und realer geworden als die Wirklichkeit selbst.

Zahlreiche Werke des 1929 in Reims geborenen Vordenkers der Postmoderne, der auch Literaturkritiker, Übersetzer, Schriftsteller und Fotograf war, wurden ins Deutsche übersetzt; etwa „Das Ding und das Ich“ (1968), „Der symbolische Tausch und der Tod“ (1976), „Das perfekte Verbrechen“ (1996), „Der Geist des Terrorismus“ (2003) oder „Die Intelligenz des Bösen“ (2006). Insgesamt soll  Baudrillard rund 50 Bücher publiziert haben.

In ihnen hat er sich mit einer Vielzahl unterschiedlichster Phänomene auseinandergesetzt: u.a. mit dem globalen Terrorismus, dem Börsenkrach, Aids, der Globalisierung, dem Cyberspace u.v.m. Dabei bemüht er sich, wie einst Karl Marx, die drei Bereiche Soziologie, Philosophie und Ökonomie fruchtbar zu verbinden.

Baudrillard widmet sich intensiv dem Studium des Symbolsystems unserer Medien- und Konsumgesellschaft und leistet eine Bestandsaufnahme der Objekte der urbanen, westlichen Zivilisation. Der Mensch im Westen, angekommen in der Postmoderne, einer Zeit nach dem Ende der Zeiten und dem Abschied von der Geschichte, sei zu nichts mehr in der Lage, als zur Abtötung der Zeit, zur Spiritualität des Konsums und zur Anbetung von Wachstum und Ware.

In seinem Hauptwerk „Der symbolische Tausch und der Tod“ versteht Baudrillard es, die Werttheorie des Marxismus mit der Zeichentheorie des Strukturalismus zu verbinden. Nach ausführlichen Diagnosen von Phänomenen wie Mode, Körper, Katastrophen oder Unfällen kommt er darin zum Schluss: Der Tod ist die letzte sinnhaltige Enklave in einer durch die universale Kapitalbewegung sinnentleerten Welt.

In den letzten Jahren vor seinem Tod fällt Baudrillard durch seine unerhörte Deutung der Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 auf. Er spricht von „metaphorischem Selbstmord“ und nennt jene Tragödie ein „Pseudoereignis“, das eigentlich nicht stattgefunden habe. Harsche Kritik an seiner Person war die unmittelbare Folge.

Auch den Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit musste er sich gefallen lassen. Man ging so weit, seine Werke als inhaltslos zu diffamieren und sie mit Science Fiction zu vergleichen. Zudem wurde er als Nihilist bezeichnet. Baudrillard zu diesem Vorwurf: „Ich bin auf meine Weise durchaus ein Moralist. Es gibt eine Moral der Analyse, eine Pflicht zur Aufrichtigkeit.“

Das Etikett „Desillusionist“ hat er sich aber immerhin doch selbst einmal verpasst. Zu sehr ist er enttäuscht gewesen angesichts der gescheiterten Utopien der Moderne. Zu kritisch sah er unsere aktuelle Situation. Und zu verstörend liest sich seine Zustandsdiagnose der Gegenwart.


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Epikurs Weg zum Glück

„Von allen Naturphilosophen ist Epikur das größte Schwein gewesen“, erfährt man beim spätantiken Philosophiehistoriker Diogenes Laertios. Epikur, ein exzessiver Hedonist, womöglich gar ein perverser Lustmolch? Ganz im Gegenteil! Vielmehr wurde der herausragende griechische Philosoph und Schulengründer Epikur von Samos (341-271 v. Chr.) wiederholt das Opfer übler Nachrede und bewusster Fehlinterpretation.

So existiert eine besondere Sorte ‚epikureischer‘ Texte, nämlich von Kritikern unter seinem Namen in Umlauf gebrachte Briefe. Dazu Herausgeber und Übersetzer Matthias Hackemann im Nachwort der Zitatesammlung ”Der Weg zum Glück”: ‚… etwa Diotimos, ein Epikur gegenüber unversöhnlich gesonnener Stoiker’, der im Namen Epikurs ‚50 Briefe voller Obszönitäten in der Öffentlichkeit zirkulieren ließ’.

Von dieser üblen Textsorte zu unterscheiden ist beispielsweise das ‚Gnomologium Vaticanum Epicureum‘, welches teilweise auch von Epikurs Schülern (mit-)formuliert wurde. Darin findet sich etwa folgende ‚Belehrung‘ Epikurs: „Ich höre von dir, dass deine körperliche Erregung dich ziemlich häufig zu sexueller Befriedigung drängt. In Ordnung: Wenn du dabei nie die Gesetze brichst, nicht die Gebote guter Sitten verletzt, keinen deiner Mitmenschen kränkst, auch deinen Körper nicht zugrunde richtest und das zum Leben Notwendige nicht verschleuderst, dann gib dich deiner Neigung so hin, wie du willst.“ Epikur zweifelt natürlich daran, dass das so einfach umsetzbar ist!

Es stimmt schon, dass für diesen Denker der Lust-Begriff ein ganz zentraler ist, insbesondere im Hinblick auf die Frage nach dem Erreichen der Glückseligkeit. Schließlich las man am Eingangstor jenes Gartens, in dem er zu lehren pflegte: „Hier wirst du dich wohlfühlen: Hier ist die Lust das höchste Gut.“ Epikur plädiert für Selbstgenügsamkeit, Weisheit, Tugendhaftigkeit sowie innere Ruhe und heitere Gelassenheit. Es sei die Sinnlichkeit, die uns als Maßstab im Leben dienen sollte: Nach der Freiheit von körperlichem Schmerz sowie seelischen Angstzuständen mögen wir streben.

Zudem hält er den Wert wahrer Freundschaft für kaum überschätzbar für ein Leben in süßer Glückseligkeit: „Freundschaft kann man von der Lust nicht trennen, deshalb muss man sie pflegen. Denn wenn es ohne sie nicht möglich ist, sicher und ohne Furcht zu leben, kann man ohne sie auch unmöglich lustvoll leben.“ In kleinen Zirkeln sich organisieren und in freundschaftlicher Atmosphäre leben, empfiehlt Epikur, fernab jeglicher staatspolitischer Umtriebigkeit. „Lebe im Verborgenen“, lautet deshalb eine weitere Maxime dieses Philosophen, der – für die damalige Zeit absolut bemerkenswert – auch Frauen und Sklaven in seiner Gemeinschaft willkommen hieß.

Doch nicht nur im Umgang mit ihnen lebte er eine nonkonformistische Lebensart vor. Auch den Göttern gegenüber verhielt sich Epikur provokant neutral. Er plädiert auch hier für ein möglichst hohes Maß an Furchtlosigkeit und Autonomie: „Es ist sinnlos, etwas von den Göttern zu erbitten, das man sich selbst verschaffen kann.“ Lediglich als Vorbilder sollen sie dienen, denn “die Gottheit erfreue sich allerhöchster Glückseligkeit und Muße, und weder kenne sie selbst Sorgen noch bereite sie solche einem anderen.” Eine Beschreibung, die nicht zuletzt an den unsterblichen Lebenskünstler Epikur selbst erinnern lässt.

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Kafka zwecks Katharsis?!

“Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”

Franz Kafka (1883 – 1924) darf zweifelsfrei zu den bedeutsamsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gezählt werden. Seine in auffallend klarer Sprache verfassten Texte tragen primär den Charakter des Rätselhaften und Geheimnisvollen. Sie sind geprägt von quälender Absurdität und der sprichwörtlich “kafkaesken” Entfremdungserfahrung ihrer Protagonisten.

Kafkas in einem Brief an Oskar Pollak artikulierte und hier zitierte radikale Perspektive auf den Sinn und Zweck des (literarischen) Buches als “Axt” für das “gefrorene Meer in uns” könnte mit dem durch Aristoteles für die Tragödientheorie nutzbar gemachten Katharsis-Begriff in Verbindung gebracht werden.

In der Aristotelischen “Poetik” wird unter “Katharsis” eine Form der seelischen Reinigung verstanden, welche durch die Mitleid und Furcht auslösende Tragödie ermöglicht wird:

“Die Tragödie ist die Nachahmung einer edlen und abgeschlossenen Handlung (…) derart (…) daß mit Hilfe von Mitleid und Furcht eine Reinigung von eben diesen Affekten bewerkstelligt wird.”

Kafkas Zeilen erinnern zudem beispielsweise auch an Texte von Sigmund Freud, etwa den “Studien über Hysterie”, wenn es dort heißt:

“Es wurde angenommen, das hysterische Symptom entstehe dadurch, daß die Energie eines seelischen Vorgangs von der bewußten Verarbeitung abgehalten und in die Körperinnervation gelenkt werde (Konversion) (…) die Heilung erfolge durch die Befreiung des irregeleiteten Affekts und die Abfuhr desselben auf normalem Wege (Abreagieren).”

Als Waffe im seelischen Befreiungskampf unserer durch eine dicke Eisschicht unzugänglichen (d.h. verdrängten) negativen Gefühle empfiehlt also Kafka die Literatur. Und schmerzhafte Lektüreerlebnisse deutet er offenbar als sinnvolle bzw. notwendige Begleiterscheinungen oder sogar als Grundlage innerer Genesung.

Wie dem auch sei. Ein faszinierendes Zitat jedenfalls! Kafkas Oeuvre bzw. dessen evokative, mitunter therapeutische Wirkung auf die menschliche Seele sind zweifelsfrei ein spannendes Rätsel, das bis heute einer Lösung harrt. Auch wenn die klassische Katharsis-Theorie mittlerweile mehr oder weniger als empirisch widerlegt gilt.

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