Mit Jean Baudrillard (1929-2007), einem französischen Philosophen und Soziologen, wird in erster Linie die Theorie vom Verschwinden des Realen, von der Simulation und den Simulacren, assoziiert. Das Simulacrum kann als künstliche Zeichenwelt verstanden werden, die anfangs noch die Realität ergänzt und abgebildet hat, mit der Zeit aber eine immer größere Eigendynamik bekommen hat.
Dies führt laut Baudrillard dazu, dass sich Simulacren mehrfacher Ordnung in den letzten Jahrzehnten beinahe vollständig an die Stelle des Realen gesetzt hätten. Im Zeichenapparat des kapitalistischen Systems seien insbesondere die Bilder der Medien weit mächtiger und realer geworden als die Wirklichkeit selbst.
Zahlreiche Werke des 1929 in Reims geborenen Vordenkers der Postmoderne, der auch Literaturkritiker, Übersetzer, Schriftsteller und Fotograf war, wurden ins Deutsche übersetzt; etwa „Das Ding und das Ich“ (1968), „Der symbolische Tausch und der Tod“ (1976), „Das perfekte Verbrechen“ (1996), „Der Geist des Terrorismus“ (2003) oder „Die Intelligenz des Bösen“ (2006). Insgesamt soll Baudrillard rund 50 Bücher publiziert haben.
In ihnen hat er sich mit einer Vielzahl unterschiedlichster Phänomene auseinandergesetzt: u.a. mit dem globalen Terrorismus, dem Börsenkrach, Aids, der Globalisierung, dem Cyberspace u.v.m. Dabei bemüht er sich, wie einst Karl Marx, die drei Bereiche Soziologie, Philosophie und Ökonomie fruchtbar zu verbinden.
Baudrillard widmet sich intensiv dem Studium des Symbolsystems unserer Medien- und Konsumgesellschaft und leistet eine Bestandsaufnahme der Objekte der urbanen, westlichen Zivilisation. Der Mensch im Westen, angekommen in der Postmoderne, einer Zeit nach dem Ende der Zeiten und dem Abschied von der Geschichte, sei zu nichts mehr in der Lage, als zur Abtötung der Zeit, zur Spiritualität des Konsums und zur Anbetung von Wachstum und Ware.
In seinem Hauptwerk „Der symbolische Tausch und der Tod“ versteht Baudrillard es, die Werttheorie des Marxismus mit der Zeichentheorie des Strukturalismus zu verbinden. Nach ausführlichen Diagnosen von Phänomenen wie Mode, Körper, Katastrophen oder Unfällen kommt er darin zum Schluss: Der Tod ist die letzte sinnhaltige Enklave in einer durch die universale Kapitalbewegung sinnentleerten Welt.
In den letzten Jahren vor seinem Tod fällt Baudrillard durch seine unerhörte Deutung der Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 auf. Er spricht von „metaphorischem Selbstmord“ und nennt jene Tragödie ein „Pseudoereignis“, das eigentlich nicht stattgefunden habe. Harsche Kritik an seiner Person war die unmittelbare Folge.
Auch den Vorwurf mangelnder Wissenschaftlichkeit musste er sich gefallen lassen. Man ging so weit, seine Werke als inhaltslos zu diffamieren und sie mit Science Fiction zu vergleichen. Zudem wurde er als Nihilist bezeichnet. Baudrillard zu diesem Vorwurf: „Ich bin auf meine Weise durchaus ein Moralist. Es gibt eine Moral der Analyse, eine Pflicht zur Aufrichtigkeit.“
Das Etikett „Desillusionist“ hat er sich aber immerhin doch selbst einmal verpasst. Zu sehr ist er enttäuscht gewesen angesichts der gescheiterten Utopien der Moderne. Zu kritisch sah er unsere aktuelle Situation. Und zu verstörend liest sich seine Zustandsdiagnose der Gegenwart.
